22. März 2021

Politthriller mit Tiefgang – „Die Toten von Marnow“ von Holger Karsten Schmidt

„Die Toten von Marnow“ sind der erste Fall für die Kommissare Lona Mendt und Frank Elling – ein Gespann, das unterschiedlicher eigentlich nicht sein könnte. Er ein Familienmensch, dessen Lebensstil nicht so ganz zu seinem Polizistengehalt passt, sie die unnahbare Geheimnisvolle, die wenig von sich preisgibt und aus unbekannten Gründen nach Rostock versetzt wurde. Und doch sind die beiden ein gutes Team, und das müssen sie auch sein, denn der Fall, den sie aufklären sollen, entpuppt sich als weitaus komplizierter als anfangs gedacht und konfrontiert sie mit einem dunklen Kapitel deutsch-deutscher Beziehungen vor dem Mauerfall.

Das Taschenbuch ist bei KiWi erschienen, hat 480 Seiten und kostet 11 €.

Bei einem Toten in einer Rostocker Plattenbausiedlung wird kinderpornografisches Material gefunden. Das Motiv scheint klar: Rache. Aber dann entdecken die beiden Ermittler einige Ungereimtheiten, und schnell wird klar, hier soll etwas vertuscht werden. Aber was und von wem? Die Aufklärung dieses Rätsels führt Lona Mendt und Frank Elling zurück in die Zeit vor dem Fall der Mauer und zu einem westdeutschen Pharmakonzern, einer Klinik in Mecklenburg-Vorpommern, zur Staatssicherheit und einigen einflussreichen Personen, die um jeden Preis und mit allen Mitteln verhindern wollen, dass die Wahrheit ans Licht kommt.

Es ist eine Stärke dieses Buches, dass es nicht nur Schwarz und Weiß gibt, und auch die beiden Ermittler verhalten sich bei weitem nicht immer regelkonform sondern mitunter eher moralisch fragwürdig. Dennoch ertappt man sich dabei, dass man den beiden die Daumen drückt, dass sie einigermaßen unbeschadet aus der Sache herauskommen.

Das Buch war bereits im Januar 2020 NDR Buch des Monats, inzwischen ist das Taschenbuch erschienen und nicht zuletzt lief letzte Woche der Vierteiler dazu im Fernsehen. Viele Szenen daraus wurden ja bekanntlich auch hier in der Region gedreht. Uns hat auch die Filmfassung gut gefallen, und wir dachten, das ist doch ein Anlass, noch einmal auf diesen wirklich guten Krimi von Holger Karsten Schmidt hinzuweisen.

28. Februar 2021

An dieser Stelle möchten wir auch immer wieder auf ein paar Bücher hinweisen, die nicht unbedingt in den einschlägigen Bestsellerlisten auftauchen und daher häufig nicht die Beachtung finden, die sie wahrscheinlich verdient hätten.

Das Buch (Softcover) ist im Braumüller Verlag (Wien) erschienen, hat 448 Seiten und kostet 19 €

Wir beginnen mit „Der Mann am Grund“, einem Kriminalroman der tschechischen Autorin Iva Prochazkova. Auf dem Grund eines Baggersees nahe Prag wird in einem Auto die Leiche eines Mannes gefunden, eines Polizisten. Schnell wird klar, dass sich dieser zu Lebzeiten auf Grund seiner höchst umstrittenen Methoden mehr Feinde als Freunde gemacht hat.

Es ist an Kommissar Holina, einem erfahrenen Polizisten, diesen Fall zu lösen. Unterstützt wird er von einem jungen Kollegen, und später, als sich der Kreis der Verdächtigen nicht nur erweitert, sondern sogar noch weitere in den Fall verwickelte Personen zu Tode kommen, auch noch von einer jungen, ehrgeizigen Kollegin. Mit anderen Worten: Konfliktpotential ist ausreichend vorhanden. Dabei hat er genügend eigene Probleme – allen voran das Verhältnis mit der Frau seines Chefs. Diese wird überdies auch noch als Astrologin beratend in den Fall einbezogen, was bei den Polizisten nicht gerade auf Akzeptanz stößt.

Wenn ich diesen Kriminalroman mir anderen aktuellen Erscheinungen in diesem Genre vergleiche, kommt er eigentlich anfangs fast beschaulich daher. Auch wenn es nicht bei dem titelgebenden ersten Toten, dem Mann am Grund, bleibt, wird auf übertriebene Gewaltdarstellungen weitestgehend verzichtet, was jedoch der Spannung keinen Abbruch tut. Im Gegenteil: Im Laufe der Zeit hat die Geschichte mich immer mehr in ihren Bann gezogen. Da aus der Sichtweise mehrerer Protagonisten erzählt wird, hat der Leser sozusagen einen Wissensvorsprung gegenüber den Ermittlern, und der Kreis der in Frage kommenden Täter grenzt sich immer weiter ein. Dennoch ist das Ende nicht unbedingt vorhersehbar. Ein dramaturgisches Detail dieses Romans ist übrigens das Wetter. Parallel zur Handlung wird eine Hitzeperiode beschrieben, und alle hoffen auf den erlösenden Regen, den es am Ende auch in Form eines Gewitters, in dem sich alles entlädt, gibt.

Ich habe diesen Kriminalroman, der diesem Namen tatsächlich gerecht wird, mit großem Vergnügen gelesen und hoffe, dass es einen weiteren Fall geben wird. Zumindest das Ende, das ein dramatisches Ereignis im persönlichen Umfeld des Kommissars Holina beschreibt, lässt darauf hoffen.

28. Januar 2021

Die allgegenwärtigen Corona-Nachrichten verdrängen im Moment so vieles, was auch getan werden müsste, worüber man reden oder nachdenken könnte oder woran bzw. an wen man sich erinnern sollte.

So geht es uns auch, und daher möchten wir wenigstens auf diesem Wege kurz an einen großen Schriftsteller und eine große Schriftstellerin erinnern, die im Januar dieses Jahres 100 Jahre alt geworden wären – Friedrich Dürrenmatt und Patricia Highsmith.

Der Diogenes Verlag hat pünktlich zu diesen Jubiläen eine Biographie Friedrich Dürrenmatts sowie einige Romane Patricia Highsmith‘ in wunderbarer neuer Aufmachung herausgebracht.

erschienen am 23. September 2020
einer von sechs Romanen in neuer Aufmachung

Der Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt wurde am 5. Januar 1921 geboren. Er ist den meisten wahrscheinlich schon in der Schule das erste mal über den Weg gelaufen und wurde – wie das so ist – vermutlich mit mehr oder weniger Begeisterung gelesen. Später erkennt man dann, dass es sich bei ihm um einen ganz Großen seiner Zunft handelt.

Dabei hat auch ihn das Schicksal der meisten freien Schriftsteller ereilt – der Anfang war wirtschaftlich schwierig. Kaum vorzustellen, dass seine großen Kriminalromane „Der Richter und sein Henker“ und „Der Verdacht“ 1950 zuerst als Fortsetzungsgeschichten in einer Schweizer Zeitung erschienen.

Mehr Glück hatte er als Dramatiker, Komödien waren nach dem Krieg eben sehr gefragt. Seinen Weltruhm begründete er allerdings mit „Der Besuch der alten Dame“ (1956), und nun ging es auch wirtschaftlich bergauf. 1962 folgte der zweite weltweite Erfolg mit „Die Physiker“.

Auszeichnungen hat er viele erhalten, aber was uns vor allem an ihn erinnern wird sind seine Bücher, die irgendwie zeitlos sind. Vielleicht liegt das auch daran, dass er sich immer kritisch mit den gesellschaftlichen Verhältnissen auseinandergesetzt hat, was uns u.a. auch einen reichen Schatz an Zitaten beschert hat, wie z. B.:

„Das menschliche Wissen ist dem menschlichen Tun davongelaufen, das ist unsere Tragik. Trotz aller unserer Kenntnisse verhalten wir uns immer noch wie die Höhlenmenschen von einst.“ oder

„Ich glaube, dass die anderen Schwierigkeiten, in denen unser Planet steckt, so groß werden, dass die Atomfrage in den Hintergrund tritt.“

Womit wir wieder in der Gegenwart angekommen sind.

Die amerikanische Schriftstellerin Patricia Highsmith wurde am 19. Januar 1921 in Texas geboren. Aus einer Künstlerfamilie stammend (die Eltern waren Graphiker) studierte sie am renommierten Barnard College in New York (wohin die Familie bereits 1927 gezogen war). Dieses College war nur Frauen vorbehalten. Ihre erste 1941 geschriebene Kurzgeschichte wurde 1945 in einer Modezeitschrift veröffentlicht und von einem Preiskomitee zu einer der besten des Jahres 1945 gewählt. Es folgte ein Stipendium für die Künstlerkolonie Yaddo im Bundesstaat New York, wo sie große Teile ihres ersten Romans „Zwei Fremde im Zug“ schrieb.

Der Roman erschien 1950 und hatte sofort großen Erfolg. Alfred Hitchcock kaufte die Filmrechte, der Film erschien 1951, und damit wurde sie nun weltberühmt.

1953 wurde der Roman „Salz und sein Preis“ veröffentlicht, der die Geschichte einer lesbischen Beziehung erzählt. Um nicht als Autorin lesbischer Romane „abgestempelt“ zu werden, benutzte sie dafür ein Pseudonym – Claire Morgan. Auch dieser Roman hatte großen Erfolg, jedoch bekannte Patricia Highsmith sich erst 1990 in der Öffentlichkeit zur Autorenschaft.

Die Reihe ihrer bekannten Romane und Kurzgeschichten ist lang, wer kennt z.B. nicht „Der talentierte Mr. Ripley“, ein Roman, der übrigens gleich mehrfach verfilmt wurde. Was fast alle Werke von ihr gemeinsam haben: Patricia Highsmith beschäftigt sich mit der (bevorzugt nicht ganz gesunden) Psyche des Menschen. Sie selbst behauptete, dass sie bereits mit 8 Jahren begonnen hatte, sich für ein populärwissenschaftliches Buch aus dem Bücherschrank ihrer Eltern zu interessieren, das Fallbeispiele von Menschen mit den unterschiedlichsten psychischen Defekten behandelte, die äußerlich völlig normal wirkten und ihr bewusst wurde, dass sie von solchen Menschen umgeben sein könnte.

Was für ein Glück für uns, denn diesem Umstand verdanken wir wohl viele vergnügliche Lesestunden.

24. Januar 2021

Die triste Jahreszeit und Pandemie bedingte Pause nutzend, möchten wir euch hier immer mal wieder Bücher ans Herz legen, die uns besonders gefallen.

Den Anfang macht unser persönliches Buch des Jahres 2020 „Der Gesang der Flusskrebse“ von Delia Owens, von dem wohl jede*r schon gehört hat. Auch wir können uns dem überwiegend positiven Feedback nur anschließen.

Es kommt nicht so oft vor, dass die Bücher, die auf den einschlägigen Bestsellerlisten zu finden sind, auch unsere Lieblingsbücher sind. Das war – zumindest was dieses Buch angeht – diesmal etwas anders. Und eigentlich muss man dieses Buch gar nicht besonders empfehlen, denn die zahlreichen begeisterten Rezensionen sprechen für sich. Ich tue es trotzdem, denn für uns war „Der Gesang der Flusskrebse“ in vielerlei Hinsicht tatsächlich auch „das Buch des Jahres“.

Warum? Selten habe ich erlebt, dass sich eine doch eher gemischte, unterschiedliche Leserschaft – Männer, Frauen, ältere und jüngere Jahrgänge mit durchaus verschiedenen Leseneigungen – so einig war in der Beurteilung eines Buches, nämlich dass es eine tolle, absolut lesenswerte Geschichte ist.

Die Geschichte des Marschmädchens Kya, die Delia Owens erzählt, ist ergreifend aber nicht kitschig, die Schilderungen der Natur sind interessant und anschaulich, ohne ausschweifend zu werden, und letztendlich liegt über dem Ganzen eine gewisse Spannung, denn schließlich ist es ja von Beginn an auch eine Kriminalgeschichte. Dadurch passt es auch nicht so recht in eine Schublade, was aus meiner Sicht ebenfalls für das Buch spricht.

Ich habe mich beim Lesen an zwei Romane erinnert, die mich ähnlich berührt haben, einmal Harper Lees „Wer die Nachtigall stört“ und zum anderen David Gutersons „Schnee, der auf Zedern fällt“. Vielleicht hat dieses Buch ja auch das Zeug zum Klassiker.

Also: Wer es immer noch noch nicht gelesen hat, dem sei gesagt: Es lohnt sich!